Punx & Pussies

 

 

I

Nach einer weit verbreiteten Ansicht hat der Punk in Form der britischen Band The Sex Pistols das Licht der Welt erblickt.

Das ist nicht ganz richtig so.

Der Punk hatte seinen Ursprung in dem amerikanischen Bundesstaat Louisiana.

Ich weiß nicht, wie es heute ist: aber bis zur Großen Flut, die New Orleans verwüstet hat, war Louisiana mit Sicherheit einer der spannendsten Flecken Erde der westlichen Welt.

In Louisiana lebten zu knapp über die Hälfte eine extrem reaktionäre weiße Schicht aus heruntergekommenen ehemaligen Sklavenhalterfamilien und einigermaßen funktionierendem Mittelstand.

Die andere Hälfte waren Schwarze ehemalige Sklaven, Indianer und Spanier, die der spanisch-amerikanische Krieg dort vergessen hatte.

Vieles von dort ist weltberühmt.

Die Afroamerikaner haben New Orleans zu so etwas wie einer ihrer Kulturmetropolen gemacht. Wenn man an New Orleans denkt, dann denkt man an Jazz und Blues, man denkt an Voodoo, ausgelassene Feste und kleine Gauner. Man denkt an Indianer, die in sumpfigen Wäldern leben und ihren archaischen Riten folgen. Man denkt an kleine, vollgestopfte Läden und skurrile Charaktere. Louis Armstrong und Fats Domino sind große Namen, die mit diesem Ort verbunden sind. Die Architektur ist stark französisch beeinflusst. Die Korruption von Politik und Justiz sind legendär. Der Ku Klux Klan trieb auch in Louisiana sein völkermörderisches Unwesen.

Hier in Louisiana, wo die schwarze Musik gekocht hat und ihre Impulse in die ganze Welt aussandte, die in Paris einen Boris Vian inspirierten, es in Moskau bis in die Sinfonik eines Dmitrij Schostakowitsch schafften und in Berlin die Tonsprache eines Paul Hindemith mit prägten, in Tokio Jazzclubs aus dem Boden sprießen liesen wie Pilze, hatte ein guter Teil der weißen mittelständischen Jugend Anfang der 70ger Jahre die Schnauze voll vom reaktionären Mief ihrer Eltern. Sie schielten neidisch durch die gardinenverhangenen Fenster ihrer Eigenheime auf das bunte Treiben der von der Generation ihrer Eltern verachteten dunkelhäutigen Habenichtse. Noch waren die Rassen getrennt. Noch wurde kaum ein Wort gewechselt zwischen Schwarz und Weiß. Aber diese weißen Kids verschafften sich Musikinstrumente. Sie versammelten sich in den Garagen ihrer Elterhäuser. Und sie spielten einfach drauf los. Ihre schwarzen Brüder und Schwestern waren die Vorbilder und sie standen dazu.

DAS WAR DIE GEBURT DES PUNK!

Wenn man lange sucht und noch Vinyl hat und ein wenig Glück, dann kann man alte Scheiben finden von Bands, deren Namen keiner kennt und die mit einem schepperigen Kassettenrekorder aufgenommen wurden. Manchmal steht auf dem Cover drauf: Louisiana Punk.

II

Dem musikinteressierten britischen Aristokratensohn Malcolm Mac Laren sind solche Aufnahmen wohl zu Ohren gekommen.

Malcolm verstand eine verdammte Menge von Musik. Er war einer, der, wie man so sagt, die Spreu vom Weizen trennen konnte. Ihm wird nachgesagt, dass schlechte Musik ihn geradezu physisch  schmerzte. Und er wurde geradezu zugeschissen mit schlechter Musik. Talentlose Popsternchen und einfallslose Möchtegernrocker grölen Tag für Tag aus den Radios. Je durchschnittlicher je besser und Manager und Entertainment Industries ziehen Millionen bis Milliardenprofite aus dem ganzen Müll. Malcolm hatte den Charakter eines Lord Byron, aber leider nur das Talent des Erkennen Könnens. Und nicht das des Schaffens. Er hatte sprudelnde Fantasie, aber nicht die Gestaltungkraft sie in ewige Kunstwerke zu übersetzen. Er wurde in den Adelsnestern gegrüßt von Angehörigen der königlichen Familie und erwiderte den Gruss mit der Bitternis des britischen schwarzen Humors, was man possierlich fand. Und das machte ihn wütend. Habe ich schon erwähnt, dass er ein fleißiger Leser der Werke Friedrich Nietzsches war? Die Wut reifte in ihm. Das Empire nervte ihn. Das Musikbusiness ekelte ihn. Die Umwertung aller Werte wurde ihm zum Bedürfnis Und diese Wut in ihm wuchs zu einem überreifen Granatapfel – der plötzlich platzte: sammle dir ein  paar talentlose Junkies von der Straße ein, die unfähigsten, die du finden kannst, die erkläre zur Band und mach zu Superstars. Führe das Musikbusiness wie eine Kuh am Nasenring durch die Arena! Die Methode: piß alles an, beleidige alles, was dem Empire heilig ist. Mach Skandal um Skandal, nur das zählt, spuck ihnen ins Gesicht, und lass dich dafür auch noch bezahlen!

Der Rest ist Geschichte: The Great Rock’n’Roll Swindle!

“God save the Queen

The fascist regime!”

III

Eigentlich war das gar nicht beabsichtigt gewesen: In den Arbeitslosenbezirken, in der Drogenszene, in den Alkoholikerabsteigen, überall, wo die Verlierer des Empire ein hoffnungsloses Dasein fristeten schlug der blöde Witz des frustrierten Adeligen wie eine Bombe ein! Dieses schrille, unmusikalische Nachspielen von 50ger bis 70ger Jahre Hits, das die Sex Pistols betrieben pflanzte einen Keim von Hoffnung. Irgendwie hat das Leuten Lebensmut zurückgegeben. Denkende, kreative Individuen, die von unten kamen, die etwas ändern wollten und nicht wussten wie brachte das Geschehen auf neue Ideen. Die Leute aus der sogenannten 68ger-Bewegung hatten langsam fertigstudiert und ihren Platz im System gefunden. Die Alle-sollen-sich-lieb-haben-Ideologie der Hippies hatte ausgedient und die politische Linke tat im Wesentlichen das, was sie immer tut: die redete sich auf wichtigen Sitzungen ein, die Besten der Welt zu sein, es musste nur noch ausgestritten werden, wer von den Besten der Allerbeste sein darf.

Bands, die auf den Spuren des großen Idols Bob Dylan sich gefunden hatten, jetzt zu einem eigenständigen Stiel gelangt sind, für den es noch keinen Begriff gab, wie die Ramones oder The Clash, Die bekamen jetzt eben das Label Punk. Und die von den Pistols erzeugte Bewegung hörte ihnen zu. Andere Länder Europas zogen nach, Deutschland, Österreich, Italien, Spanien…

Das, was sich als Punk zusammenfasste, wurde zum inspirierenden Jugendkulturstiel der 80ger Jahre in den imperialistischen Zentren.

Suffpunks, Politpunks, New Wave, Autonome, alles war irgendwie daheraus hervorgegangen. Aus dem schwarzen Humor eines britischen Aristokraten. Da sag mir noch einer, die Welt ist nicht grotesk.

Und irgendwann, so Mitte – Ende der 80ger Jahre, da war der Punk auch wieder verschwunden. Ich meine, als Bewegung. Die Musik kam noch aus den Lautsprechern. Einige trugen auch noch die Klamotten. Nachwuchs entstand, der die Klamotten trug. Aber die Hoffnung, die Inspiration – der göttliche Funke, wie ein antiker Grieche es formulieren würde, der war erloschen. Übrig blieb eine Menge verwertbares Material für die Konsumindustrie. Es lässt sich gar nicht genau zeitlich festlegen. Es war ein schleichender Tod gewesen. Man saß wieder alleine vor seinem Bier. Die Verlorensten hingen an der Nadel. Die Autonomen hatten fertigstudiert und ihren Platz im System gefunden. Auf jeden Fall war es einiges vor 89 gewesen.

IV

Pussy Riot wird als Punk verkauft.

Leute, Pussy Riot ist die Verarschung des Punks durch Kommunikationswissenschaftler, besser bekannt als Werbefachleute.

Sich irgendwie hässlich gestalten, rein gar nichts können und dennoch laut auftreten wird hier zum Punk erklärt. Eine Provokation dort bringen, wo es irgendjemanden weh tut.

Das sind die zusammengeklauten Attribute eines bstimmten historischen Momentes im Punk. Und in der Geschichte des euro-amerikanischen Imperiums.  Jenes erste In-Erscheinung-Treten der Sex Pistols. Der Auftritt an der Themse zum Jubiläum der Königin. Malcolm Mac Larens Tobsuchtsanfall am Flughafen in New York: „I am Antiamerican!” Sidney mit dem Hackenkreuz-T-Shirt in Paris. Zusammengerührt. Ein Produkt im 2. Aufguss für Moskau ohne begriffen zu haben, dass die Stiche des Original zielgerichtet waren.

Viele ehemals linke Studenten verdienen heute gutes Geld in der Werbeindustrie. Viele ehemals linke Studenten machen NGO. 1+1=nicht 5.

Dass Punk ein Synonym für Nix Können aber laut sein ist, das ist sogar nur ein billiges Vorurteil von Kleinbürgern. Jetzt, über ein  viertel Jahrhundert nach der Punkbewegung, kann man mit so etwas hausieren gehen.

Jeder Stil kennt gute und schlechte Bands. Aber jede Band hat das Bemühen, etwas Unverwechselbares, Eigenständiges zu schaffen. Oder es ist eben ein Industrieprodukt zur reinen Vermarktung seiner selbst oder eines anderen Zwecks.

Nehmen wir die San Francisco-Punk-Band Dead Kennedys. Was da an Können drinsteckt,angefangen bei der rein virtuos-technischen Fertigkeit der Musiker, dann weiter an spannungsgeladener, differenzierter Komposition der Songs bis zu Intelligenz und Sprachwitz der Texte, das war der Punk, als Punk noch gelebt hat.

 

DK: "Kill The Poor"

Efficiency and progress is ours once more
Now that we have the Neutron bomb
It's nice and quick and clean and gets things done
Away with excess enemy
But no less value to property
No sense in war but perfect sense at home:

The sun beams down on a brand new day
No more welfare tax to pay
Unsightly slums gone up in flashing light
Jobless millions whisked away
At last we have more room to play
All systems go to kill the poor tonight

Gonna
Kill kill kill kill Kill the poor:Tonight

Behold the sparkle of champagne
The crime rate's gone
Feel free again
O' life's a dream with you, Miss Lily White
Jane Fonda on the screen today
Convinced the liberals it's okay
So let's get dressed and dance away the night

While they:
Kill kill kill kill Kill the poor:Tonight

 

 

 

Der echte Punk war antikapitalistisch und antiimperialistisch. Die wahren Punks hätten Putin eher gemocht. Denn Punks konnten sehr gut erkennen, wie man früher sagte: „wo die Schweine sitzen.“

  • Aber Sting findet die Pussies doch toll. Der war doch auch mal Punkrocker.
  • Äh – meinen sie den Sting, der gegen den Atomkrieg anweint mit explizit rassistisch-russenfeindlichen Sätzen wie: “I hope the Russians love their children too!“-?

Im heutigen Gib-mir-meine-täglichen-Pussies-RT-Bericht wird ein besonders geistricher Auftritt erwähnt, der daraus besteht, dass eine der Pussies in einem Supermarkt mit einem Tiefkühlhänchen öffentlich mastrubiert.

Selbst bei der anzunehmenden maximalen Anspruchslosigkeit eines Zeitalters, in dem ein H.M.Broder ein diskutierter Schriftsteller und Dieter Bohlen ein erfolgreicher Entertainer ist, sollte der Begriff darüber, was Kunst sei, nicht ins absolut Beliebige dehnbar sein. Und Punk, ich betone es noch einmal, ist nicht der virtuelle Mülleimer, der herhält um vor Pressekameras  Scheißebauen zur Stilrichtung erklären zu können.

Dead Kennedys

Ach so, ihr wollt feministische Frauenpunks und nicht immer bloß die Typen?

Sagts doch gleich:

X-Ray Spex: Warrior in Woolworths

 

 

Noch ein Post Punk Remake eines Clash-Songs Nouvelle Vague: Guns of Brixton

 

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