Die Old World Order zeigt Zähne

Dem neoliberalem Spuck, der als Greater Middle East im Rahmen des Project for a New American Century die halbe Mittelmeerküste in Brand gesetzt hat, und der gerne von einigen als „arabischer Frühling“ und „Revolution“ tituliert wird,  geht langsam die Puste aus.

In jedem gesellschaftlichen System gibt es Gewinner und Verlierer.

Viele Faktoren entscheiden drüber, wer hochkommt, wer unten bleibt oder wer fällt, Gerechtigkeit ist keiner davon.

Und je höher die Karriereleitern gehen, desto dünner sind die Posten gesät, desto härter werden die Bandagen und fieser die Intrigen.

Mit fast mathematischer Notwendigkeit setzen Volksaufstände Unzufriedenheiten frei, treiben Hoffnungen, diese aus dem Weg räumen zu können. Ägypten ist ein Land, in dem sehr viele Menschen leben, aber das wirtschaftlich kaum etwas hergibt.

So war es vor knapp über 2 Jahren für von diversen NGOs mit Mitteln ausgestattete, an erfahrenen Instituten ausgebildete Studenten nicht überfordernd, einen Machtkampf auf Ägyptens Straßen zu inszenieren.

Das Land ist arm, seine natürlichen Ressourcen reichen nicht aus, um die riesige Bevölkerung zu ernähren. Die Regierung war seit Jahrzehnten im Amt und die Hierarchie hatte schon quasi feudalen Charakter.

Der Westen hatte die Ägypter zu einem Machtkampf angestiftet, der zum guten Teil auf der Straße ausgetragen wurde. Dann wurde das Etikett Revolution draufgeklebt. Eine übereilte Wahl wurde abgehalten und noch übereilter wurde die Verfassung ausgetauscht. Fertig.

Der Erfolg einer Revolution hängt entscheidend davon ab, welche Verbesserungen sie in das Leben der Menschen bringt. Eine Revolution, die alles verschlechtert und ansonsten verspricht, wenn die Männer nur fleißig beten, die Frauen einsperren und alle paar Jahre Wahlzettel in eine Urne werfen wird irgendwann auch irgendetwas wieder besser braucht keiner.

Die Moslembrüder, ökonomisch neoliberal, ideologisch rechtsradikal, waren die einzigen Gewinner. Sie haben ihr seit Jahrzehnten verfolgtes Ziel erreicht und regierten.

So nimmt es nicht Wunder, dass die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung schadenfroh zusieht, wie das Militär die Gewinner der „Revolution“ plattmacht, eine Demonstration gegen die Freilassung Mubaraks gerade einmal, nach Durchsicht aller mir zugänglichen Quellen, 100 Moslembrüder auf die Straße bringt.

Auch in Tunesien setzt sich dieser Gedanke offensichtlich langsam durch. Volkswiderstand gegen die „Revolutionäre“ mit neoliberaler Wirtschaft unter brutalster religiöser Restriktivität zeigte sich deutlich bereits in einer Aktionsform, demonstrativ im Monat Ramadan öffentlich tagsüber zu essen oder Zigaretten zu rauchen bis hin zum Köpfen eines Biers am Strand. Das ist nicht so pressewirksam wie zerplatzte Köpfe auf dem Straßenpflaster, aber eine entschlossene Ansage an die neuen Herren. Dass populäre Nasseristen die Todeslisten der frei und demokratisch gewählten Moslembrüder anführen fügt sich nahtlos.

Nicht hoch genug eingeschätzt werden kann die Signalwirkung der ägyptischen Ereignisse nach Syrien.

Und so ist es nicht von ungefähr, dass ausgerechnet jetzt dort Kinder mit Giftgas verseucht werden.

So blöd, zu glauben, die syrische Armee würde den Inspektoren der UN einen Giftgasangriff im Raum Damaskus als Begrüßungsgeschenk kredenzen, damit die auch ordentlich Arbeit haben, kann ja nun wirklich keiner sein.

Besonders da die syrische Armee sehr erfolgreich aufräumt.

Es gibt hier nur zwei Parteien, die einen Giftgasangriff benötigen: Erdogan und die Hardliner in Washington, die sich sein Monaten bemühen, Obama einen Angriffsbefehl abzuringen.

Die unvermeidliche Baroness Ashton fordert nun freien Zugang für UN-Inspektoren im ganzen Land.

Das hat sich schon im Irak als Mittel bewährt, sämtliche militärischen Anlagen des Landes auszuspionieren um einen möglichst verlustarmen Angriffskrieg führen zu können.

Zu diesen oben erwähnten Hardlinern gehören auch die beiden Senatoren McCain und Graham, die nicht ganz unzufällig vor dem Crack-down der Moslembrüder auf der Straße in Kairo die Wiedereinsetzung Mursi’s als Präsident einfordern wollten und denen man dort kurzerhand die Türe vor der Nase zugeschlagen hat.

McCain, der ein Treffen mit libyschen Dschihadisten öffentlich zu einem der inspirierendsten Ereignissen seines Lebens erklärte.

Weitere rätselhafte Ereignisse machten kürzlich die Runde. Ein bedeutenderes davon dürfte das plötzliche Auftauchen des sagenumwobenen Prinz Bandar in Moskau sein, nachdem dieser monatelang die Welt hatte glauben lassen, er sei tot. Und wie es für zwei Veteranen des klandestinen Gewerbes üblich ist, erfuhr die Welt nichts darüber, was der Prinz und der Präsident Russlands miteinander sprachen. Ein blödsinniges Gerücht, Bandar habe Syrien gegen Waffendeals eintauschen wollen konnte zerstreut werden kaum dass es gestreut wurde. Wie oft Prinz Bandar‘s Geist im Kreml spukte ohne dass man es der Presse mitgeteilt hätte, darüber kann man natürlich auch spekulieren. Ein einstündiges Gespräch mit anschließendem Dinner reicht auf solchen Gipfeln der Macht jedenfalls nicht, um Entscheidungen von Tragweite zu treffen.

Was dem aufmerksamen Beobachter nicht entgehen dürfte: ausgerechnet Saudi Arabien ist es nun, welches den Ägyptern die notwendigen Geldmittel zur Verfügung stellt, welche der EU und den USA  die Erpressungsmöglichkeiten unter den Füßen wegziehen. Man kann die neuen Moves auch als Anzeichen werten, dass Saudi Arabien aus dem Syrienspiel aussteigt, ehe es zu spät ist. In den VAE haben die Moslembrüder gerade einen verheerenden Strafprozess hinter sich. Unterm Strich bleibt in der Region dann nur mehr einer übrig, der den schwarzen Peter im Blatt hat, wenn die Ordnung wieder hergestellt ist – der Moslembruder Erdogan.

 Sie sind gelehrige Schüler Washingtons, die saudischen 7000.

Im Gegensatz zu Naivlingen wie Mubarak, Gaddafi oder Assad kommt in deren Wörterbuch das Wort „Loyalität“ nicht vor. Dafür die Kombination „Eigener Vorteil“ gleich 5x.

In diesem Zusammenhang sollte man hellhörig werden, wenn man auf dem Daily Press Briefing des Secretary General der UN, der natürlich grave concerns hat, was Chemiewaffeneinsatz in Syrien betrifft als auch das Entfernen der Moslembrüder von der Macht, ganz nebenbei erfährt, dass ausgerechnet Jeffrey Feltman im offiziellen Auftrag dieses Südkoreaners nach Kairo geflogen ist. Jeffrey Feltman und Bandar bin Sultan galten als die Chefstrategen hinter dem Aufstand gegen Assad und sollen in monatelanger Vorarbeit diesen initiiert haben. Ich erinnere daran, dass ein von diesen beiden entwickeltes Strategiepapier in der internationalen Presse aufgetaucht war, das so hanebüchen war, dass man es aus damaliger Sicht für eine Fälschung hielt, bis die Beobachtung der Realität damit überraschte, dass es Schritt für Schritt umgesetzt wird.

Diese Realität hatte einige Überraschungen zu bieten, die für gewöhnlich nicht in das Arsenal von Revolutionären gehören. Ich erinnere nur mal wieder an die millionenteure Hollywood-Inszenierung des Sturmes auf Tripolis in der Filmstadt Doha. Cecil B. DeMille hätte seine Freude gehabt, wie da sein Film „The Greatest Show on Earth“ übertrumpft wurde.

Nicht alleine die gestürzten Machthaber sind die Verlierer einer Revolution, auch diejenigen, welche das Wenige verlieren, was sie sich vor der Revolution erarbeitet hatten.

Und das haben in Libyen alle verloren bis auf die paar wenigen Gewinner, wie etwa der berüchtigte Abdel Akim Belhaj, der seine Karriere als Drogenbaron von Benghazi angefangen hatte und nachdem er aufgeflogen war über Afghanistan zu einem wahrhaft führenden Terroristen der internationalen Szene avancierte.

Die Entfernung Mubaraks von der Macht war zwingende Voraussetzung, den NATO-Krieg gegen Libyen und Syrien führen zu können.

Denn so sehr er Freund und Helfer des Westens war und Protektor Israels, der Mann hatte das, was man heute gerne eine „Rote Linie“ nennt: den Einsatz der ägyptischen Armee als Hilfstruppen der NATO kam für ihn nie in Frage.

Libyen und Syrien aus der arabischen Liga werfen wäre mit einem Ägypten unter Mubarak unmöglich gewesen und das Experiment, Libyen und Syrien anzugreifen, solange Mubarak an der Macht ist, hätten USA, Frankreich und UK nicht wagen brauchen.

Es kann ein Zufall sein, da Feltman mittlerweile nicht mehr für das State Department sondern tatsächlich für den Südkoreaner arbeitet, aber man liegt bestimmt auch nicht falsch, den Südkoreaner als Handpuppe des State Departments zu begreifen. Ist in der UN-Bürokratie Ban Feltman übergeordnet, bedeutet das noch lange nicht, dass er auch das Sagen hat. Dass diese beiden Genies der tödlichen Intrige  im Weltmaßstab, Feltman und der Prinz, im Umgang mit Kairo zweifellos  gegensätzliche Lager repräsentieren und genau beide in Sachen Kairo aktiv sind, sollte man jedenfalls auf seine Beobachtungsliste setzen.

Saudi Arabien wie wir es heute kennen ist ein Land ohne Zukunft. Gehen wir davon aus, dass die saudischen Prinzen das wissen und Pläne schmieden. Und dass diese Pläne nicht von einer Zuverlässigkeit Washingtons abhängig gemacht werden, das kann man denen zutrauen.

Wenn Washington sogar einem Mubarak das Messer in den Rücken stößt, dann erkennt ein saudischer Prinz seine Lage.

Einen Giftgasanschlag verursachen um Handhabe zu militärischem Handeln zu bekommen – das ist Schwäche und Kontrollverlust.

Es ist Zynismus der menschenverachtendsten Sorte.

Es ist der Anfang vom Ende eines imperialen Größenwahns.

 

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