Erde an die westlichen Mursi-Fans: „Jetzt kommt mal wieder auf den Boden zurück!“

Ägypten ist ein sehr komplexes Land mit einer sehr vielschichtigen Gesellschaft.

Es ist erschreckend, wie gerade auch Geister, die durch die Fähigkeit kritischen Denkens auffallen in der Causa Mursi sich ein geradezu infantiles Weltbild basteln.

Ich finde es aber vor allem eine Frechheit, den Ägyptern, welche die Bruderschaft ablehnen, zu unterstellen, sie wären hirnlose „Bimbos“, die gerne Ami spielen wollten. Solche mag es ja geben, weil es sie überall gibt, aber das ist tatsächlich eine verschwindende Minderheit. Ägypten ist keine DDR, wo lauter Maiks und Mandys und Susans und Kevins rumlaufen, die von Cadillacs träumen.

Und man fällt auf den Demokratie-Trick rein: es stimmt schon, dass etwa ein Viertel der Bevölkerung hinter der Bruderschaft steht, aber ein Viertel ist eben nur ein Viertel, eine Minderheit, der alle Rechte einer Minderheit zustehen, aber der es absolut nicht zusteht, sich die restlichen 3/4 zu unterjochen!

Dieses Viertel hat Mursi gewählt und dieses Viertel hat die Verfassung der Bruderschaft gewählt.

Ein Referendum abzuhalten, durch das eine Verfassung verabschiedet wird, ohne dass es überhaupt die Chance gab, diese Verfassung gesellschaftlich zu diskutieren, weil die meisten Leute sie gar nicht zu Gesicht kriegen und gar nicht die Zeit gegeben wird, sie zu lesen und zu besprechen ist formal vielleicht nach den Maßstäben westlicher Demokratien korrekt, aber de Facto ist es Betrug; eine Verfassung ist ein etwas komplizierteres Produkt als eine Simpsons-Folge.

Darum sind die Leute auch nicht wählen gegangen. Sie kannten den Text, über den sie abstimmen sollten ja gar nicht.

Aber Mursi ist ein demokratisch gewählter Präsident.

So wie Merkel eine gewählte Bundeskanzlerin ist, und darum die Deutschen brav Ja und Amen sagen zu Lissabon, ESM etc. Man lebt dann halt in der EU unter dem Vertrag von Lissabon ohne zu wissen, was da überhaupt drin steht. Mit einem Finanzdirektorat, das über alle Gesetze erhaben ist.

So ist das in einer Demokratie. „Wer seine Stimme abgibt hat nichts mehr zu sagen“ kommt einem in den Sinn.

Übrigens haben 2/3 der Ägypter ihre Stimme zur Verfassung eben gar nicht abgegeben, über 50% haben bei der Präsidentschaftswahl ihre Stimme nicht abgegeben. Sie haben ihre Stimme sozusagen behalten.

Und in den vergangenen Wochen sind sie wieder auf die Straße gegangen und haben sie erhoben.

Mursi hatte lange genug Zeit, auf sie zuzugehen. Aber er hatte eben darauf bestanden, dass er der Big Boss ist und keiner ihm dreinzureden hätte: zu blöd für den Herrn, dass er das Militär nicht gegen die Bevölkerung einsetzen konnte, denn, oups, das hatte von ihm genauso die Schnauze voll!

Mursi wollte das Militär einsetzen, um einen Damm-Bau in Äthiopien zu verhindern.

Natürlich ist es berechtigt, darauf zu bestehen, dass Äthiopien das nicht einfach entscheiden kann ohne sich mit der ägyptischen Führung abzusprechen – aber so etwas regelt man ja wohl diplomatisch, was die Generäle ihm auch klargemacht haben. Schön blöd, für einen Präsidenten, wenn das Militär ihm klar macht, für seinen Kriegsplan nicht zur Verfügung zu stehen.

Aber wie blöd muss man eigentlich sein, darauf hin Reden zu schwingen, selbiges Militär gegen Syrien werfen zu wollen, wobei ja offensichtlich ist, dass Ägypten seine Soldaten verheizen soll, um die NATO zu entlasten. War ja klar, dass die Militärführung ihm sagt: „Nix da, Alter!“

Wenn ein Präsident zum heiligen Krieg gegen ein Land aufruft, dann ist das eine offizielle Kriegserklärung. Ist den Mursi-Fans das eigentlich klar?

Und ihr könnt verdammt froh sein, dass selbiges Militär sich entschieden hat, diesen Psychopathen aus dem Amt zu jagen, anstatt seinem Geheiß zu folgen!

In einem weinerlichen und vor allem wirren Fanartikel in der für gewöhnlich durchaus lesbaren „Berliner Umschau“ findet sich folgendes:

„Auch mit der Absetzung des Generalstaatsanwalts Mahmud hatte Mursi wenig Glück. Nach dem er diese zunächst nach gewalttätigen Protesten hatte zurücknehmen müssen, versuchte er es nach ersten diplomatischen Erfolgen (Vermittlung eines Waffenstillstands zwischen Israel und der Hamas – also ein böses Zeichen der Selbstständigkeit) erneut. Daraufhin hieß es, damit werde die Gewaltenteilung negiert und Mursi „geriere sich wie ein Pharao“ (Originalton des „Friedensnobelpreisträgers“ Mohammed al-Baradei) . Merke: die „Gewaltenteilung“ zwischen einer von Mubarak eingesetzten und ihm jahrzehntelang treu ergebenen Justiz und eines Militärs, in dem kaum eine Person ausgetauscht worden war und einer aus freien Wahlen hervorgegangenen Regierung! Man stelle sich vor, Adenauer hätte seinen Amtseid vor dem Volksgerichtshof ablegen müssen!

Da isser mal wieder der Deutsche, der sich die ganze Welt als deutsch vorstellt. Und natürlich heißt er Charly. Unser Charly macht den NAZI-Vergleich. Natürlich war das Mubarak-System eine höchst unerfreuliche Diktatur und ich hatte darauf bereits bestanden, als alle Welt Mubaraks System noch als Demokratie gefeiert hat und seine Partei Sektion der Sozialistischen Internationale war, der auch die SPD angehört.

Aber es war erstens kein faschistischer Staat und zweitens bestehen sowohl Militär als auch Richterschaft aus unterschiedlichen Fraktionen; Mubarak musste immer die Nasseristen fürchten und es kann keineswegs von „treu ergeben“ die Rede sein.

Sorry Charly, deine Lust auf Säuberung geht völlig an den ägyptischen Verhältnissen vorbei! Genauso gut könnte man fordern, jeder, der unter Mubarak Zahnarzt war, solle seine Zulassung verlieren.

Äh – und Charly: die Hamas wurde von Israel kreiert um Arafat zu schwächen, nur so nebenbei.

Es zeichnet sich gerade ab, dass unter Führung von Abdel Fatah al Sisi jene Nasseristen im Militär das Heft in die Hand genommen haben.

Hört auf, den Quatsch der Moslembrüder nach zu plappern, das Militär habe Schuld, wenn in Ägypten Bürgerkrieg ausbricht.

Der Bruderschaft wurde angeboten, sich an zukünftigen demokratischen Entwicklungen zu beteiligen.

Es wurde festgelegt, dass für nächsten Februar Wahlen geplant sind.

Ohne Mursi. Denn man muss wirklich kein Einstein sein, um zu erkennen, dass der Mann ein paar Schrauben locker hat.

Nun, die Brüder haben an der Macht geleckt. Das Kalifat war schon so greifbar nahe! Es sieht nicht danach aus, dass sie sich in den Prozess einfügen. Es sieht danach aus, dass die Dinge nicht friedlich verlaufen werden. Das ist schlimm. Aber das macht die Bruderschaft noch nicht zur richtigen Seite.

 

 

 

 

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