Der Alfred und der Oscar und ihr Preis

Als man der 11jährigen Anna Paquin den Oscar verliehen hatte mag der eine gesagt haben: „Hat ihn auch wirklich verdient“, andere mögen gesagt haben: „Also wissen se, nee!“

Egal, die Oskar-Verleihung ist eine Show im Rahmen der Unterhaltungsindustrie und dient der Unterhaltung. Hollywood-Fans freuen sich drüber, man sieht dutzende Veteranen wie Liz Taylor, Aktuelle und Newcomer auf einem Haufen, für Spannung wer was kriegt ist gesorgt und dazwischen Show-Einlagen, die man so anderswo nicht zu sehen bekommt, etwa die kleine Vanessa Hudgens als Live-Tänzerin oder Hugh Jackman in der Rolle des Conferencier im Stile Berlins der 20ger Jahre, wie Hollywood es sieht und seit dem Film „Cabaret“ alle Welt so kennt, Modedesigner freuen sich, weil sie ihre neuen Luxuscollektionen vorstellen können und alle hinsehen und Zeitschriften können noch Wochen lang darüber schwafeln, Harpers Bazar über besagte Klamotten, Perez Hilton über die Hergänge auf den Afterparties, kurz: es ist eine harmlose Sache, aber die Karriere der 11jährigen Anna Paquin, als Mädchen, von dem man sagt, dass es Geschichte gemacht hat, weil sie die zweitjüngste Oscarpreisträgerin des bisherigen Weltgeschehens ist, wird nun unaufhaltsam ihren Lauf nehmen, und wir gönnen’s ihr von Herzen – und apropos Herzilein: Jahre später: in „Rogue“ in X-Men 1 hatte ich mich sogar für die Dauer des Kinobesuchs bis über beide Ohren verknallt, das war echt süß und zugleich herzzerreißend! – der Beweis, dass man Kindern durchaus den Oscar verleihen darf, solche Anerkennung kann zukünftige Performances nur verbessern und alle die Filme gucken haben was davon.

Etwas anderes ist es mit dem Nobelpreis: man ist von Kindheit an darauf erzogen, diesem Preis besondere Ehre zuzusprechen. Er gilt als ernste, als würdige Angelegenheit. Auch dieser Preis krönt Karrieren mit Weltruf. Den schalen Geschmack, der ihm beigemischt ist, hatte Jean Paul Sartre einst denunziert, es war ein Skandal, der Verleihungen übertönte. Wissenschaftliche Nobelpreise haben wenig Einfluss auf das verehrte Publico, wer hat schon so viel Ahnung von Physik oder Chemie etc. um dabei mitreden zu können, für die Massen hat man Literaturnobelpreis und Friedensnobelpreis.

Diese haben den schalen Geschmack.

Der Literaturnobelpreis soll literarisch überragende Leistungen belohnen. Tatsächlich wird er meistens an Autoren verliehen, die zwar stinklangweiliges Zeug schreiben, aber dabei die Überlegenheit der westlichen Lebensart über alle anderen lobpreisen, und das scheint manchem bereits als überragende literarische Leistung auszureichen. Sagen wir, der Literaturnobelpreis ist so eine Art überbewerteter Oscar für Schreibende, ehrfurchtgebietend, weil das literarische Werk ein höheres Ansehen genießt als der Film, und da das öde Gesülze etwa einer Herta Müller eh keiner liest, fällt es nicht wirklich auf. Man mag als Lesender sich ärgern: was hat die in einer Reihe mit einem Boris Pasternak, einem Michail Scholochow, einem Thomas Mann, einem Pablo Neruda usw. all derer, die den Ruf des Preises begründen, verloren – aber was soll‘s, Angelina Jolie, eine Frau, die gerade mal 5 Fratzen schneiden kann hat auch ’nen Oscar gekriegt, sei ihr’s gegönnt, es tut ja keinem weh und heizt einmal im Jahr den Buchverkauf an.

Der Friedensnobelpreis allerdings, der ist des Aufbegehrens wert: denn der hat wirklich Autorität als Mittel der politischen Manipulation.

Dass man nur amerikanischer Präsident oder im Falle Al Gores Präsidentschaftskandidat gewesen sein muss, um den zu erhalten, bürgerte sich eine gewisse Zeit lang ein, und es begann aufzufallen, dass dieser Preis zu dem Zweck verkommen ist, dass der Westen sich selber ob seiner Überlegenheit lobhudelt. Inmitten der Eurokrise diesen Preis der EU zu verleihen war sogar manchem tief autoritätsgläubigem nur noch einen Schenkelklopfer wert.

Stets modern und hot on the wire wurde er dieses Jahr dem Thema des Tages verleihen.

Tatsächlich hätte es schlimmer kommen können, nämlich wenn es nach der Presse gegangen wäre.

Es fiel schon auf, dass im Kontext der Preisträgerauswahl eine globale Pressekampagne für ein 16jähriges pakistanisches Mädchen gemacht wurde.

Natürlich ist es eine brutale und tragische Angelegenheit, wenn einem Mädchen, nur weil sie die Schulbank drücken will, von religiösen Fanatikern in den Schädel geschossen wird.

Nun, es ist eine Kandidatin, bei der man davon ausgehen kann, dass niemand sich etwas herumkritteln trauen würde, herzlos wer es wagte, so traumatisierende Leiden einer Teenagerin nicht durch ein Happy End aufwiegen zu wollen, und welch Reife spricht aus ihr: sie will sich dafür einsetzen, dass alle Mädchen ohne Unterschiede der Stände, Klassen und Rassen gleiche Bildungschance erhalten. Welch Jean d’Arc! Innerlich wirft sich mir die Frage auf, wie vielen libyschen oder syrischen Kindern es in den letzten 3 Jahren so ergangen ist, ohne dass sie nach UK zur Operation ausgeflogen wurden – allerdings mit Kugeln, die zumindest indirekt das UK geliefert hat.

Sie wird von Fernsehshow zu Fernsehshow durchgereicht, mal mit mal ohne Paps.

Tageszeitungen berichten über die Fernsehsendungen und dichten ihr unendlichen Mut und Weisheit an.

Sie, die standhafte 16jährige denkt darüber nach, Ärztin zu werden. Hmm. Ich habe keine Zahlen zur Hand, wie viele 16jährige Mädchen Ärztin werden wollen, aber ich erinnere mich, dass es mehr noch sind als solche, die Hollywoodstar oder Supermodel werden wollen.

Man erfährt dann: noch viel lieber als Ärztin würde sie Premierministerin werden! Als solche nämlich könnte sie ihr ganzes Land retten!

Soweit es das Girl anbelangt mag das ja rührend naiv sein. Jugendorganisationen aller Parteien quellen über mit 16jährigen, die davon träumen, mal offen, mal heimlich, Regierungschef/in zu werden und alles viel, viel besser zu machen als alle anderen vor ihnen und all diese 16jährigen sind ehrlichen Herzens von ihrem Idealismus erfüllt. Was macht Malala also so besonders, dass ihre 16jährigen-Normal-Träume aus ihr eine globale Presseattraktion machen?

Von Friedensaktivistin geht die Rede.

OK. Sehen wir uns ein normales Gymnasium an, stellen wir fest, jede 2. Sechzehnjährige ist Friedensaktivistin auf ihre Art. Nur wird die nicht in den Medien herumgereicht, der wird gesagt, sie habe „Flausen im Kopp“.

Der Preis ward verliehen, Malala ging leer aus.

Etwas, das man ja eigentlich mit erleichtertem Schweigen übergehen sollte. Die Infantilisierung der Institutionen hat eben doch noch Grenzen.

Bis die Kunde geht: Malala besucht das Weiße Haus und bietet Obama todesmutig die Stirn, indem sie ihm sagt, was sowieso alle seit langem sagen: das mit den Drohnenmorden in Pakistan ist vielleicht doch nicht so supertoll wie er glaubt.(Naja, er wird ihr schon nicht gleich ’ne Predator in’s Washintoner Hotelzimmer schicken.)

Was die Presse anbelangt wirkt es etwas unentschieden, ist es doch dieselbe Presse, die die Drohnenangriffe stets bejubelt und darin den überlegenen Fortschritt der chirurgisch präzisen Terrorbekämpfung propagiert. Es heißt, Malala beklage die getöteten Zivilisten, die sonst von selbiger Presse als vernachlässigbare Kollateralschäden abgetan werden. Die pakistanische Regierung beschwert sich darüber aber schon seit Jahren!

Und nun fällt bei mir der Groschen: der Westen züchtet sich eine zukünftige pakistanische Premierministerin. Du musst die Leute formen, wenn sie jung und leichter beeinflussbar sind. Keine, die noch so etwas wie einen eigenen Willen hat wie Benazir Bhutto, aber eine Frau an der Spitze des Staates macht sich gut, das hat man heute so.

Ein Nobelpreis, das wäre ein perfekter Start geworden.

Auf dem Mädchen will ich nicht herumhacken. Aber die Kampagne ist doch ganz besonders scheußlich.

Davon muss ich mich erholen. Ich werde mich jetzt zurücklehnen, und mir mal wieder ansehen, wie die kleine Rogue die Welt vor dem fiesen Magneto rettet. Das ist echt cool: am Schluss mit Wolverine auf der Freiheitsstatue – – ganz großes Kino!

X-Men-2000-Anna-Paquin-Rogue

 

 

 

 

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